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24.09.2004 Humboldt-Uni

24.09.2004 Humboldt-Uni in der Berliner Zeitung





Datum: 24.09.2004
Ressort: Feuilleton
Autor: Nikolaus Bernau
Seite: 30

Gebt uns Aussicht
Der Wettbewerb für die Bibliothek der Humboldt-Universität brachte nicht nur Lesekisten hervor


Welch eine Aufgabe: Eine Bibliothek für die Humboldt-Universität mit den Namen der Gebrüder Grimm, zwischen der Geschwister-Scholl- und der Planckstraße gelegen, direkt an der Eisenbahntrasse, auf der Züge von Moskau nach Paris fahren. Ein Ort, der flamboyante Architektur herausfordert. Vor allem, wenn man sich ansieht, was weltweit für faszinierende Bibliotheksbauten entstehen und was für hervorragende Bücherarchitekturen in Berlin existieren: die alte und die neue Staatsbibliothek, die Amerika-Gedenk-Bibliothek, um nur einige zu nennen. Doch der Wettbewerb für den Neubau ging berlinisch-steinern aus; alle organisch, dekonstruktiv, technisch oder sonstwie alternativ erscheinenden Alternativen wurden ausjuriert (siehe Berliner Zeitung vom 17.9.). Der Schweizer, in Berlin aber wohl verankerte Architekt Max Dudler gewann den ersten Preis mit einem streng kantigen Haus, dessen acht Hauptetagen durch übergreifende Fassadenstäbe zu vieren zusammengefasst sind und dessen niedrigerer Seitenteil anschließt an die historische Bebauung nahe der Museumsinsel.

Den zweiten Preis erhielt das ebenfalls in Berlin ansässige Team Jaklin Tenbohlen Welp mit einem Entwurf, der Dudlers Härte fast noch übertrifft. Und der dritte Preis wurde an das hiesige Büro Müller Reimann vergeben, die etwa mit der Außenministeriums-Erweiterung Aufsehen erregten. Sie planen keinen geschlossenen Monumentalbau, komponierten stattdessen eine Anlage aus dicht miteinander verschränkten Quadern, die sich zu einem kleinen Vorplatz Richtung Universität öffnen.

Dass der Wettbewerb fast ausschließlich städtebauliche "Kisten" hervorbrachte, ist nicht nur eine Folge der Überzeugungen in der Jury. Es gab auch ein überladenes Programm zu erfüllen: Auf dem nur knapp 6 700 Quadratmeter großen Grundstück soll ein Bau mit fast 35 000 Quadratmetern Nutzfläche entstehen. 600 000 Bände werden im Freihandbereich und 2,2 Millionen im Freihandmagazin stehen. Die Bibliothek soll künftig das Zentrum der geisteswissenschaftlichen Institute und der Computertechnik der Universität werden.

Max Dudlers Architektursprache kann man als abstrakten Rationalismus bezeichen; der Schüler von Oswaldt Matthias Ungers hat wie dieser eine Leidenschaft für geometrische Grundformen. Auch sein Bibliotheksentwurf ist davon geprägt, vor allem der monumentale, schmal und steil proportionierte Lesesaal. Umgeben von Pfeilergängen, durchläuft er einmal längs den Bau, zur Mitte hin senken sich Innenterrassen, auf denen die Tische der Leser stehen. Ein gewaltiges Kassetten-Oberlicht zeigt auf den Planzeichnungen den Blick zum Himmel. Fraglich ist, ob dies Dach in der Ausführung so transparent bliebe. Die Überhitzung des Raums soll durch den Schatten des hohen Magazinblocks verhindert werden; über die Nutzung der Energie etwa zur Stromgewinnung ist indes bislang nicht nachgedacht worden.

Wie in der vom Jurymitglied Manfred Ortner entworfenen Dresdner Landesbibliothek soll uns also ein völlig introvertierter Lesesaal beschert werden. Man fragt sich, ob Architekten, die solche Säle entwerfen - und es gibt noch verschlossenere Varianten, etwa beim zweiten Preisträger - je in Bibliotheken gearbeitet haben, die Last auf den Augenlidern empfanden und die Erholung beim Blick vom Buch in die Außenwelt. Die Vorstellung, Lesen sei eine Dauermeditation, die man am besten in völliger Abgeschlossenheit vollbringe, ist blanke Utopie. Jede Architektur, die dies Ziel erreichen will, wird lebens- und lesefeindlich. Obwohl sie doch scheinbar ganz dem Lesen dienen wollen, zeigen solche Säle Gründe für die Pisa-Krise Deutschlands: Lernen wird hier als Last begriffen, nicht als Lust, als schwere Abeit, nicht als Befreiung, Erheiterung, Erleichterung des Geistes.

Wie anders gibt sich da der Enwurf von Müller Reimann. Auch sie schließen ihren Bau mit niedrigeren Flügeln an die vorhandenen Gründerzeithäuser an, ohne sich aber abzugrenzen, und auch bei ihnen ist die von Betonstäben geprägte Fassade nicht frei von Härte. Doch Müller Reimann gönnen den meisten Lesern direkte Blicke entweder auf grüne Bäume und Kunstwerke in einem hoch gelegenen und daher hellen Innenhof - vergleichbar etwa dem idyllischen Skulpturengarten der Neuen Nationalgalerie - oder durch große Fenster auf die Stadt. Selbst die Computer-Arbeitsplätze, die bei Dudler unter den Leserterrassen versteckt und dort Kunstlicht brauchen werden, erhalten bei Müller Reimann indirektes, die Augen schonendes Naturlicht. Ein üppiges Foyer erlaubt Schweifen und Wandeln, ein Café öffnet sich zur Promenade an der Stadtbahn.

Gerade weil dieser Entwurf nicht so streng und radikal-hart auftritt, sich nicht so sehr als autonomes Architektur-Kunstwerk über den Büchern und den Lesern verselbstständigt hat, ist er eine wirkliche Alternative zu Dudler. Das sollte diskutiert werden vor einer Bauentscheidung. Die Humboldt-Universität wartet so lange auf ihren Neubau, da machen einige Tage mehr nichts aus. Hauptsache, dem Lesevergnügen wird gedient.

Die Wettbewerbsarbeiten im Internet: www. competitionline.de

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